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Covid-19, ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten

Können Blutdrucksenker das Risiko für eine Covid-19-Infektion erhöhen? Alle Studien sprechen dagegen. Sicher ist vor allem, dass ein unbedachtes Absetzen der Medikamente das Herz-Kreislauf-System schädigen kann.

Das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System ist nur wenigen Menschen ein Begriff. Doch mit der Covid-19-Pandemie ändert sich das langsam: Ein Mitglied dieser Hormonkaskade, das Enzym ACE2, ist die Eintrittspforte für den auslösenden Erreger SARS-CoV-2. Ein weiteres Mitglied der Kaskade trägt den fast identischem Namen ACE (ohne angehängte Zahl) und ist der Ansatzpunkt vieler gängiger Blutdrucksenker, den ACE-Hemmern und AT1-Antagonisten1.

Gibt es damit auch einen Zusammenhang zwischen Covid-19-Infektion und Blutdrucksenkern?

Um das Wesentliche vorauszuschicken: Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass diese Medikamente das Risiko einer Infektion erhöhen2. Ein Absetzen der Blutdrucksenker kann hingegen schwere Folgen haben, da der Blutdruck stark schwanken und das Herz-Kreislauf-System darunter leiden kann. Alle Experten sind sich daher einig, dass die Einnahme von ACE-Hemmern und AT1-Antagonisten nicht unterbrochen werden sollte3.

Das Enzym ACE2 hilft dem Virus SARS-CoV-2

Doch wie geriet dieses Thema so plötzlich in die Schlagzeilen? Ausgangspunkt waren drei Ärzte aus der Schweiz und Griechenland, die einen kurzen Brief in einem medizinischen Fachjournal veröffentlichten4. Darin formulierten sie die besagte Hypothese, dass ACE-Hemmern und AT1-Antangonisten eine Covid-19-Infektion erleichtern.

Ihr Mutmaßungen basierten auf bereits bekannten Versuchen, die eine vermehrte Bildung des Enzyms ACE2 beobachteten, wenn mit Medikamenten in das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System eingegriffen wird. Und falls mehr ACE2 vorhanden ist, wären vermehrt Eintrittspforten für das SARS-CoV-2-Virus vorhanden und das Infektionsrisiko könnte steigen. Dies war wohl als Diskussionsanstoß für die Fachwelt gedacht, zog in den folgenden Wochen aber unerwartet weite Kreise in den Medien.

Zum Verständnis muss man noch einmal betonen, dass es sich bei ACE und ACE2 um unterschiedliche Enzyme handelt. Sie sind zwar nah verwandt, unterscheiden sich aber auch in wichtigen Eigenschaften. ACE (Angiotensin Converting Enzyme) ermöglicht die Bildung des Hormons Angiotensin II aus einem inaktiven Vorläuferprotein. Angiotensin II hat vielfältige Wirkungen auf den Kreislauf, unter anderem erhöht es den Blutdruck. ACE-Hemmer hemmen ACE, verhindern die Bildung von Angiotensin II und senken den Blutdruck. Das Enzym ACE2 hingegen baut Angiotensin II ab - hat also die gegensätzliche Wirkung von ACE - und wird auch nicht direkt von ACE-Hemmern beeinträchtigt1.

Keine Hinweise auf ein erhöhtes Infektionsrisiko

In manchen Tierversuchen machten Forscher die Beobachtung, dass ACE-Hemmer die Menge an ACE2 erhöhen können. Fast alle dieser Versuche wurden mit Ratten durchgeführt. Ob diese Ergebnisse direkt auf den Menschen übertragen werden können, ist jedoch weiterhin unklar - aussagekräftige Studien dazu fehlen gänzlich5. Schon die Grundannahme der Schweizer Ärzte basiert daher auf einer Mutmaßung.

Auch für die Behauptung, dass ACE-Hemmer das Infektionsrisiko erhöhen, finden sich in den laufenden Studien keine Belege. Die Analyse tausender Covid-19-Patienten in Italien6, USA7 und vielen weiteren Ländern8 gab keinen Hinweis darauf, dass die Opfer überdurchschnittlich häufig mit ACE-Hemmern oder AT1-Antagonisten behandelt wurden.

Und ein letzter Punkt: Sollten ACE-Hemmer tatsächlich ACE2 erhöhen, könnte dies sogar einen schützenden Effekt haben. Das Enzym ACE2 baut das Hormon Angiotensin II, senkt so den Blutdruck und bietet Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Schäden an Lunge verringert werden, wenn das Enzym ACE2 oder die entsprechenden Blutdrucksenker verabreicht wurden5. Auch beim Menschen gibt es erste Hinweise, dass ACE-Hemmer das Sterberisiko von COVID-19-Patienten senken10.

ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten keinesfalls absetzen

Ein unbedachtes Absetzen der Blutdrucksenker wäre zudem mit erheblichen Risiken verbunden. Das Einstellen des Blutdrucks mit einem anderen Medikament nimmt längere Zeit in Anspruch und ist meist mit starken Blutdruckschwankungen verbunden. In dieser Zeit können sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausbilden oder weiter fortschreiten. Bei einem vollständigen Verzicht auf alle Blutdrucksenker wären langfristige Folgen sogar kaum zu vermeiden.

Der Rat fast aller Experten ist daher eindeutig: Die Blutdrucksenker keinesfalls absetzen, auch nicht im Falle einer Covid-19-Infektion1,2,3,9. Schon gar nicht ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt. Denn das Virus wird mit einem Verzicht auf ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten wohl kaum gestoppt, das eigene Herz könnte jedoch langfristig Schaden erleiden.

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Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise - sie dürfen nicht zur Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung dienen. Einen Arztbesuch können sie auf keinen Fall ersetzen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • 1 T. Eschenhagen, COVID-19 und das Herz, Transkript eines Webinar des Science Media Centers, April 2020 (Link)
  • 2 Deutsches Ärzteblatt, COVID-19: Weitere Studien entlasten ACE-Hemmer und Sartane, Mai 2020 (Link)
alle Referenzen anzeigen
  • 3 Deutsche Hochdruckliga, Blutdrucksenker nicht aus Angst vor Covid-19 absetzen, Pressemitteilung, April 2020 (Link)
  • 4 Fang et al., Are patients with hypertension and diabetes mellitus at increased risk for COVID-19 infection?, Lancet Respir Med, epub März 2020 (Link)
  • 5 Kreutz et al., Hypertension, the renin–angiotensin system, and the risk of lower respiratory tract infections and lung injury: implications for COVID-19, Cardivascular Research, April 2020 (Link)
  • 6 Mancia et al., Renin–Angiotensin–Aldosterone System Blockers and the Risk of Covid-19, New England Journal of Medicine, Mai 2020 (Link)
  • 7 Reynolds et al., Renin–Angiotensin–Aldosterone System Inhibitors and Risk of Covid-19, New England Journal of Medicine, Mai 2020 (Link)
  • 8 Mehra et al., Cardiovascular Disease, Drug Therapy, and Mortality in Covid-19, New England Journal of Medicine, Mai 2020 (Link)
  • 9 Deutsches Ärzteblatt, COVID-19: Auch die Kardiologen sind gefordert, April 2020 (Link)
  • 9 Deutsches Ärzteblatt, Meta-Analyse: RAAS-Inhibitoren könnten Überlebenschancen bei COVID-19 verbessern, August 2020 (Link)
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